DOOM (2013/2014)

Kölner Stadtanzeiger 15.01.2014 von Heribert Rösgen

Verstörende Ritualhandlungen

 

 

Sektengleiche Verehrung eines Familienoberhaupts wird im Theaterstück „Doom“ in Kalk inszeniert.

Im Raum „Ganz schön Kalk“ hat das Theaterkollektiv Adolesk in dem Stück „Doom“ soziale Themen aufgegriffen. Das Stück handelt von einer kruden Mini-Sekten, aus der Menschen mit Polizeigewalt befreit werden müssen.  

Gamma grabscht, und ihr Bruder Delta sabbert, wenn er nicht gerade tumb vor sich hin starrt. Die bedauernswerten Kinder, die auf die Namen griechischer Buchstaben hören, wuchsen in einem abgeriegelten Kellerverlies ohne Kontakt zur Außenwelt auf. Ihr Vater – Alpha – entschied sich für dieses seltsame Leben. Die Stimme eines imaginären „Wesens“ habe ihm das befohlen, erklärt er bei einer der seltenen Gelegenheiten, zu denen er seine selbst ernannte Festung der Reinheit für Besucher öffnet.

Die Stimmung im Publikum kippt

Das Kellerverlies ist in Wirklichkeit nur Theaterkulisse, die Bewohner Schauspieler und das verstörend-ergreifende Geschehen die jüngste Inszenierung des Theaterkollektivs Adolesk. Als idealer Ort für die ausgesprochen publikumsbezogene Aufführung erwies sich das junge Nachbarschaftscafé „Ganz Schön Kalk“ an der Kalk-Mülheimer-Straße 61.

Das Stück „Doom“ handelt von einer jener kruden Mini-Sekten, über die die Öffentlichkeit meist erst erfährt, wenn Menschen dort mit Polizeigewalt befreit werden müssen. Die Besucher werden mit der seltsam anmutenden Weltanschauung des Sektengründers Wilhelm Tietz (gespielt von Martin Thiel) konfrontiert, der zunächst noch wie ein spinnerter Sonderling seine Gäste begrüßt – es wird geschmunzelt.

Spätestens mit dem Auftreten der Kinder Ruth und Winfried, genannt Gamma und Delta, kippt die gelöste Stimmung. Die geistige und soziale Entwicklung der Kinder ist offensichtlich stark vernachlässigt worden: Die Zuschauer werden konfrontiert mit einer distanzlos grabschenden und plappernden jungen Frau – beklemmend gut gespielt von Rahel Schaber. Währenddessen bleibt der groß gewachsene, unbeholfen wirkende Junge, den Steven Reinert ebenso packend darstellt, eher eingeschüchtert im Hintergrund.

Wie Tiere beim Dressurakt zeigen sie freudige Reaktionen über das, was ihr Vater unter Erziehung versteht. Wenn die Kinder ihrem Vater die Hand schlecken, ist das befremdlich. Wie beim sogenannten Clickertraining begleitet Alpha Tietz seine Anweisungen mit dem Geräusch eines Knackfroschs. Die Art, mit der die Kinder und der devote Lakai Beta (Philipp Milbradt) auf das Geräusch reagieren, wirkt menschenverachtend.

Unterstrichen wird die bizarre Szenerie mit den vier weiß gekleideten Gestalten durch fortwährende Lobpreisungen, Gesten und scheinbare Kulthandlungen, die demjenigen merkwürdig bekannt erscheinen, der schon einmal eine religiöse Feier oder eine Predigt miterlebt hat. Doch auch gewöhnliche Eltern-Kind-Situationen, wie Ermahnungen oder Bestrafungen sind erkennbar. „Wir wollen die Mechanismen innerhalb einer Familie zeigen und damit das, was letztlich den Menschen prägt und sein Wesen ausmacht“, erklärt Steven Reinert, der mit Martin Thiel für Buch und Regie des Stücks verantwortlich zeichnet. „Religionen sind oft ähnlich aufgebaut, daher bot sich die Verknüpfung an.“


aKt -Kölner Theaterzeitung November 2013 von Romy Weimann

HÖLLE AUS PLASTIK
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Steven Reinert, Foto: © ADOLESK / De Matteis
Mit "DOOM" entführt die Gruppe ADOLESK ihre Zuschauer in den Keller einer Sekte im "ganzschönkalk" nach Kalk. Der erste Teil des Theatertriptychons "DarkDoomDoggys" gelingt als abgründige und satirische Geschichte einer sonderbaren Familienbande.

Die Liste bizarrer Sekten auf dem Glaubensbazar ist lang. Scientology, hört man, hat sogar Straflager für seine unzüchtigen Mitglieder. In irgendeinem Keller in Köln-Kalk betreten auch wir ein Gefangenlager. Vorher bekommen die Zuschauer Schuhüberzieher, werden desinfiziert und über Verhaltensregeln instruiert: "Nichts anfassen oder dalassen." Zwei bullige Türsteher beobachten uns. Unten kommen wir dann in eine neonbeleuchtete, plastikumhüllte Kinderzimmerhölle: Plüschtiere, überall Kameras und ein kleiner Tisch in der Mitte. Wir sind an einem Ort, über den man sonst nur geschockt spekuliert, wenn wieder einmal Kinder aus abstrusen Gottesvereinigungen geholt worden sind. Mit "DOOM" entwirft die Gruppe ADOLESK einen Ort des Verderbens. Bei den Tietz' ist die Familie kein heimeliges Nest, sondern ein Giftkessel der Ideologiebesessenheit.

GEISTIGE UMNACHTUNG UND UNTERWERFUNG

Der erste von drei Teilen rankt sich um das Alphatier, dem Gründer der Sekte "Festung der Reinheit". Seine Kinder "Gamma" und "Delta" haben das Tageslicht noch nie gesehen. Rahel C. Schaber strömt als geistig verwirrtes Mädchen befremdlich hemmungslos durch die Reihen, leckt Zuschauer ab und erklärt, wie sie ihre Puppe "Astbeth" geboren hat. Das Thema Inzest schwingt immer mit. Regisseur Steven Reinert brilliert als behinderter Bruder. Beim chorischen Mantra hinkt er stets stotternd hinterher. Strafen - er hatte wieder einmal ins Bett gemacht - nimmt er abgestumpft hin. Dann beginnt das "normale" Familienleben. Ein wenig Fernsehen - es läuft zynisch "Alice im Wunderland" - ein paar Leibesübungen und eine Nonsens-Lehrstunde mit Papa "Alpha". Martin Thiel zeigt eine irrwitzige Persiflage auf die geistig umnachteten Gurus dieser Welt. Wer spricht noch von Gott, Allah oder Buddha - er ist "das Wesen". Wenn er mit seinem Konditionierungs-Klicker fuchtelt oder bei Gebots-Versprechern flehend in die Knie geht, wirkt er wie der jämmerliche Anführer einer jämmerlichen Bande. Diese hier verzeichnet nur vier Mitglieder; Beta ist übrigens ein sozial verstoßener Exknacki und sein Handlanger. Im Keller, das wird überdeutlich klar, regiert der subtile Psychoterror eines Besessenen, verliebt in Machtsymbole. Unterm "Hakenstern" formt er ständig eine umgedrehte Illuminati-Pyramide á la Merkel. Diese Sekten-Satire ist so grotesk überspitzt, dass sie sich gleichzeitig über die Klischees, die wir von durchgeknallten Unterschichtsfamilien haben, lustig macht. Trotzdem vergeht die Heiterkeit beim grausamen Showdown, als "Gamma" nach einem Fluchtversuch niedergeschlagen in der Tür liegt und die Zuschauer über sie steigen müssen. Die Perversion patriarchaler Unterwerfung wird deutlich: wie rettungslos und grausam sind Kinder ihren Eltern zuweilen ausgeliefert. "Die Würde von Delta und Gamma ist unantastbar", lautet mit zynischer Ironie das sechste Gebot. Der Abend entwickelt eine Intensität, die auf den 2. und 3. Teil sehr gespannt macht.

 

FunHaus (2012/2013)

 
Kölner Stadtanzeiger vom 28.08.2012 von Heribert Rösgen
Ein Nachtlokal als gewagter Akt
Ein Stück über männliche Prostitution verstört das Publikum.
Die künftige Entwicklung Ehrenfelds ist ein Thema, das aktuell diskutiert wird. Die angekündigte Eröffnung eines Nachtlokals in der eher beschaulichen Platenstraße irritierte in diesem Zusammenhang. Das schmucke kleine Theater "Bühne der Kulturen" machte plötzlich einen schäbigen Eindruck. Eine verhüllte Lichtreklame und die von innen verklebte Fensterfront riefen bei Nachbarn und Passanten Verwunderung hervor.
Als dann auch noch die Premiere des Stücks "FunHaus" mit "Neueröffnung" angekündigt wurde, war die Verwirrung perfekt. Ein Nachtlokal anstelle der "Bühne der Kulturen"? Noch dazu eines, in dem offenkundig männliche Prostituierte ihrem Geschäft nachgehen. Man musste ja geradezu Sorge um den Kulturstandort Ehrenfeld haben.
Alles war zwar nur Theater, doch spätestens beim Eintritt in den schummrig beleuchteten Bühnenraum des Theaters an der Platenstraße dürften den Gast Zweifel überkommen, ob er sich nicht doch in der Adresse geirrt hat. Vom heimeligen Multikulti-Charme des kleinen Theaters blieb praktisch nichts übrig, nachdem die Bühnenbauer des Theaterkollektivs Adolesk ihr Werk vollendet hatten. "Hier eröffnet ein neuer Club", erklärt der schwarz gekleidete Türsteher knapp, während sein verschlagener Blick unstet die Umgebung taxiert.
Drei junge Typen - nackt bis auf die Unterhose - posieren im Halbdunkel. An der Bar gibt es dünne Cocktails im Plastikbecher und billiges Flaschenbier. Ein schmieriger Typ im Hawaiihemd begrüßt die Menge per Megaphon. Eine unfassbar schlechte Travestienummer folgt. Im Publikum wird gejohlt.
Es gehört zum Arbeitsprinzip von Regisseur Steven Reinert, das Publikum mitten ins Geschehen zu führen, es sogar einzubeziehen. So findet sich der Besucher also wieder in der zwielichtigen Szene der männlichen Prostitution. Junge Männer sprechen Besucher an, machen eindeutige Angebote. Man wird - völlig unvermittelt - Zeuge von Gewaltakten ebenso wie von hemmungslosen Gefühlsausbrüchen. So drastisch die Sprache dabei ist, so brutal und menschenverachtend sind viele der Szenen, die sich manchmal nur vor wenigen Zuschauern abspielen.
Für sein Projekt hat sich das Theaterkollektiv fachlichen Rat vom verein "Looks " geholt, der in Köln ein psychosoziales Angebot für männliche Prostituierte bereithält. Dieser betonte, wie wichtig es sei, ein Tabuthema auf künstlerische Weise zu beleuchten und so der Gesellschaft näherzubringen.


 

aKT - Kölner Theaterzeitung Januar 2013 von Dorothea Marcus

GRENZEN DER FIKTION 


Steven Reinert, Martin Thiel und das Theaterkollektiv ADOLESK recherchieren und entwerfen in der Bühne der Kulturen ein Universum mit jungen männlichen Prostituierten, das man betreten soll. "FunHaus" scheint von der dänischen Gruppe SIGNA inspiriert, ist aber auch ganz eigen.

Schon mal im Stricherclub gewesen? In Ehrenfeld hat einer aufgemacht. "FunHaus" heißt er, heute ist Eröffnung. Vorbei geht es an bulligen Türstehern, mitten hinein in ein schwarzes, mit Plastik ausgeschlagenes Etablissement mit Bar und Tanzfläche. Auf der Bühne wiegen sich lasziv vier junge Männer mit freien Oberkörpern oder knappen T-Shirts und sexy zerrissenen Jeans. Süße Jungs sind das, aber eindeutig Männern zugetan. Sie machen eine Show, singen Playback, tanzen uns was vor, ihr "Aufseher", der Moderator, macht leutselige, perfide Scherze (Martin Thiel). Wenn sie Pause haben, kann man sich selbst umsehen. In kleine Räume ist das Theater aufgeteilt, in vielen stehen riesige Betten, Herzen hängen an den Wänden, kleine Snacks stehen herum, Bier gibt es, die Musik ist schlager- und beats-lastig. Ziellos kann man sich treiben lassen, als Frau ist man zunächst etwas ratlos - die Männer werden kräftig angebaggert. Und gerade, als man erschöpft glaubt, verstanden zu haben, kommt ein Freier auf die Bildfläche. Ist er echt oder ein Fake? So werden sie wohl aussehen. Er sucht sich einen der knackigen Jungs aus, zieht sich aus, wartet darauf, dass er von hinten genommen wird, nichts passiert - er ist gelinkt worden. Das gibt Gebrüll.

Zunehmend gewalttätiger und bedrückender werden die Ereignisse in den drei Stunden, die das FunHaus geöffnet hat, auf der Bühne geschehen schwer zu ertragende Erniedrigungsspielchen mit dem Jüngsten im Bordell (Marcel Langer). Soll man eingreifen oder zulassen? Ein dreiviertel Jahr haben die Regisseure Steven Reinert und Martin Thiel recherchiert, auf Straßen und in Clubs mit realen männlichen Kölner Prostituierten gesprochen. Der Verein Looks e.V., der sich um Stricher kümmert, versorgte sie mit Informationen. Dass Reinert selbst zuweilen bei den dänischen Performern SIGNA spielt, die am Kölner Schauspielhaus - und von dort aus in der ganzen deutschen Theaterwelt - Furore gemacht haben, merkt man: es ist beeindruckend, wie die Darsteller die Zuschauer immer stärker von reinen Voyeuren zu Mitwirkenden werden lassen. Irgendwann hat mich ein Stricherjunge (Max von Ulardt) zum Drink überredet. Erzählt mir von seinem traurigen Leben, lässt sein seidiges Haar in mein Gesicht hängen. Bietet mir eine Massage - oder eine erotische Geschichte an. Will immer mehr Geld. Tief kann man in den Abend eintauchen, muss sich stets entscheiden, wo man Grenzen steckt. Er reicht nicht ganz an die Computerspiel-Fiktion von SIGNA heran, aber die hatten sehr viel mehr Geld und Ausstattung zur Verfügung. Wo die Grenzen der Darsteller beim "Fun-Haus" liegen, was echte Sexualität und Stringenz ihrer Figur betrifft, müssen andere austesten. Dennoch ist der Abend eine beklemmende Wirklichkeitsverschiebung, die einem mehr von einer der verstecktesten Szenen in Köln verrät, als man je wissen wollte.

 

Adolesk Cover Story im Kölner Kultur-Magazin null22eins, September 2012
von Robert Filgner

null22eins

AUS IDEEN ERWACHSEN

Das Theaterkollektiv ADOLESK bringt Realitäten in Form. Vom Schauspielen, Inszenieren, Coachen und Denken zweier Theatergründer.

Steven und Martin sind gut gelaunt. Sie erscheinen äußerst lebendig und man kann ihnen nach wenigen Augenblicken anmerken, dass sie Leidenschaft und Spaß haben an dem, was sie machen. Und das ganz unabhängig von dem Faktor, dass die Szenerie in der Eckkneipe „Bei Karin“ einem kölschen Schauspieler den Frohsinn nur so entlocken muss. Nein, Steven freut sich ganz ehrlich – darauf, dass er seine Ideen, die er zusammen mit Martin seit zwei Jahren in die Tat umsetzt, bei einem kühlen Getränk präsentieren kann. So täuscht der urige Laden, in dem sich zwei Interviewer und zwei Schauspieler begegnen, nicht nur den so beliebten „Kölner offenen Dialog“ an, sondern unterstützt diese frische Kommunikation auch direkt durch die Wirtin – an diesem Abend Lisa. Mit dem Herzen auf der Zunge, direkt und unvermittelt, zaubert sie den Getränkebestellern ein leichtes Schmunzeln ins Gesicht, allein durch ihre kölsche Vorstellung: „Wenn ihr was braucht … und ich euch vielleicht nicht sehe, ich bin Lisa. Dann ruft ihr einfach so laut ihr könnt: Lisa! Aber ruft auch!“

Adoleske Party

Und so beginnen auch Martin und Steven ganz direkt und erzählen von sich und ihren Projekten. Die beiden sind die Köpfe hinter dem Theaterkollektiv ADOLESK, das mit „FunHaus“ die „Bühne der Kulturen“ in Ehrenfeld ruppig mit einem schonungslosen Programm bespielt. Ganz unvermittelt präsentieren sie dem Publikum die männliche Stricherszene in Köln – einem so offensichtlichen und dennoch wenig beleuchteten Thema in der Domstadt. Während der Spielzeiten vom 25. August bis 14. September werden die Zuschauer mitgenommen auf den Weg von einer vermeintlichen „Party“ hin zu einer kritischen Milieu-Studie. Den harten Blick aus der Realität auf eine Bühne zu projizieren scheint den Initiatoren des Theaterkollektivs notwendig. „Während weibliche Prostitution regelrechte Folklore geworden ist, wird das männliche Pendant nicht thematisiert“, wirft Steven ein. Er meint damit, dass ein Laden namens Pascha beispielsweise mit einer eigenen Marketingkampagne die ganze Welt während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 begrüßen durfte und glücklich darüber berichtet wurde. Auch der Straßenstrich findet immer wieder Wege in die Presse und somit in den Fokus der Öffentlichkeit – sei es durch Ordnungswidrigkeiten oder Streitereien darüber, sei es durch die Auseinandersetzung mit den Schicksalen einiger Mädchen dahinter. Diese Schicksalssicht, die Auseinandersetzung mit den Motiven eines jungen Mannes – überwiegend bulgarischer oder rumänischer Herkunft – fehle einfach, meinen die beiden Schauspieler und Regisseure. Oft genug ist es schlicht und ergreifend der einzige Weg seine Familie in der Heimat zu ernähren, die junge Männer aus Südosteuropa in Städte wie Köln treibt. Und deren Art und Weise des Geldverdienens nie den eigenen Familienmitgliedern bekannt werden darf. Der offene Blick in die schwule Szene und aus dieser heraus, zeigt den dramatischen und schnellen Weg in dieses Milieu. Und dennoch umgibt die männliche Prostitution eine Art Tabu, obwohl in jedem Reiseführer für Schwule Kölns lebendige Szene betont wird.

 

Auch gerade aus diesem Grund – provokativ-ehrlich die realistische Szenerie darzustellen – arbeiteten Steven und Martin von Beginn des aktuellen Projekts an mit dem Looks e.V. zusammen. Dieser besteht aus vier Pädagogen, die sich als Streetworker um etwa 1.000 Jugendliche kümmern, die Anschaffen gehen müssen. Und dieser Club der 1.000 ist in Köln noch exklusiv, was heißt, dass sich der Looks-Verein nicht einmal um jeden kümmern kann. „Bei den offenen Sprechstunden, denen ich beiwohnen durfte, habe ich einen tiefen Einblick in die Verhältnisse hinter dem Thema bekommen. Hinter manchen Schicksalen steckt echte Existenzangst, und oft auch einfach die Suche nach einer sicheren Übernachtung“, sagt Steven.

 

Realismus in Form

Als „Realismus in Form“ bezeichnen die beiden nicht nur ihr Stück „FunHaus“, sondern auch ihre weiteren Ideen. Sie suchen sich das, was ihrer Meinung nach fehlt. Sie springen daher auch nicht mehr auf die Dauerbrenner der Off-Theaterszene auf – Integration und Rassismus – obwohl das den Weg zu Fördermitteln einfacher machen würde. „Wir schauen schon danach, womit der Markt übersättigt ist und finden in unserem Ideenpool genügend Themen, die noch einzigartig sind“, sagt Martin. Und Steven ergänzt: „Wir haben unsere Firma als ‚Spielplatz‘ gegründet, für das, was wir wollen.“ An der Arturo-Schauspielschule hatten sich die beiden kennengelernt und ihre Gedanken vom Theatermachen geteilt. Mit dem noch alleine inszenierten Stück „Ich wollte sehen wie ein Mensch... – eine Mutmaßung zum Foltertod in der JVA Siegburg“ im Jahr 2010 begann Stevens Weg als Regisseur in die Theaterwelten Kölns. Damals aus gegebenem Anlass nach den Geschehnissen in der JVA Siegburg, suchte er direkte Verbindungen von Realität und Theater. Der ursprüngliche Plan, in einem Theater zu spielen, scheiterte am fehlenden Mut der Häuser. Der große Kachelsaal im Autonomen Zentrum Kalk brachte schließlich die Lösung. „Alles wurde von den Organisatoren vor Ort unterstützt. Das war das Sprungbrett für das Projekt“, blickt Steven zurück. „Auch bei ‚FunHaus‘ waren wir lange auf der Suche nach Support und fanden schließlich erst in der Intendantin der ‚Bühne der Kulturen‘ eine mutige helfende Hand“, so Martin. Sie profitieren davon, dass Shirin Boljahn als Intendantin und künstlerische Leiterin des Theaterhauses in Ehrenfeld gemeinsam mit ADOLESK neue Wege des Theaters beschreiten möchte. Dabei sind sowohl die Konzepte des Theaterkollektivs nach dem Motto „Alles und nichts ist Bühne“, als auch die Entstehung ihrer Produktionen außergewöhnlich. In einem für wirklich jeden offenen Casting – vom Profi bis zum Laien – blicken Steven und Martin vor allem darauf, wie gut sich die Schauspieler durch Improvisation intuitiv in ihrer Rolle wiederfinden. Nur so kann der authentische Stil gelingen. Die so zusammengestellte Gruppe wächst nicht nur durch die Proben nach den Ideen der beiden Regisseure in das Theaterkollektiv hinein: Jeder kann sich aktiv miteinbringen – auf allen Ebenen. „Wir haben ein dreiviertel Jahr recherchiert. Jedes der aktuell 15 Mitglieder hat sich eingebracht und ist Hinweisen auf Literatur und Videos intensiv nachgegangen. Dadurch entsteht ein ganz anderer Austausch“, hält Steven dazu fest. Und so wird auch der Zuschauer diese familiäre Beziehung des Ensembles sofort wahrnehmen und Unterschiede vom Laien oder Profi gar nicht spüren.

Die Szenerie „Bei Karin“ ist ruhiger geworden. Die ersten Tische sind wieder leer, sodass Lisa ermuntert ist, regelmäßiger vorbeischaut bei zwei Interviewern, die zwei Schauspielern begegnen, die auch Regisseure sind – oder anders herum. Ein offenes Gespräch voller Ehrlichkeit und Tiefgang in den Gedanken klingt langsam aus und stellt zum Abschluss noch eine typisch kölsche Sache heraus. Steven und Martin blicken auf den Kölschen Klüngel. Und sie stellen fest, dass der Weg dort hinein ein eigentlich äußerst schwieriger ist. „Man hört immer wieder ‚Ich ruf dich an‘ oder ,Lass uns mal ein gemeinsames Projekt starten‘. Doch dann passiert nichts“, erzählt Steven. „Gerade daher sehen wir uns aber auch noch gut in unserer momentanen Struktur aufgehoben. Ganz ohne einen Klüngel – mit viel eigenem Herz und guter Stimmung“, fügt Martin hinzu. Das Licht „Bei Karin“ – einer kleinen echten kölschen Eckkneipe in der Jahnstrasse an der Grenze zum Kwartier Latäng geht zwar noch nicht aus. Aber die Frage danach, warum die Begegnung hier stattfindet, hat sich in diesem Moment erübrigt.